Frühmittelalter (500-900 n. Chr.)
Die Karolinger
„Karolinger“ ist der Name des fränkischen Herrschergeschlechts, das ab Mitte des 8. Jh. die vorherrschende Stellung im Frankenreich übernehmen sollte. Der Name geht auf den späteren Kaiser Karl den Großen zurück.

Noch unter den Merowingern waren die „Hausmeier“ des Frankenreichs politisch bedeutend geworden. Hausmeier waren im frühen Mittelalter zunächst Verwalter des königlichen Hauses, mit zunächst eingeschränkten Befugnissen. In der Zeit der Merowinger war das Amt des Hausmeiers bzw. „major domus“ jedoch immer weiter aufgewertet worden: Als Verwalter aller königlichen Güter wurden die Hausmeier politisch bald mächtiger als der eigentliche König. Bereits ab dem 7. Jh. leiteten sie de facto die Regierungsgeschäfte des Königs.
Eine besondere Rolle spielte der fränkische Hausmeier Karl Martell, der als Großvater Karls des Großen bereits zum Geschlecht der Karolinger gezählt wird. Mit seinem Machtanstieg gingen erste erfolgreiche Schritte der Franken gegen die Sachsen einher. Für die Erweiterung des fränkischen Machtbereichs führte er zahlreiche Feldzüge durch. Während die politisch geschwächten Merowinger bald nur noch sogenannte „Schattenkönige“ stellen konnten, regierte der Hausmeier Martell faktisch das gesamte Frankenreich.
Karl Martell konnte die Sachsen über Essen bis auf die Höhe des heutigen Bochum zurückdrängen. Zur Sicherung und Versorgung der eroberten Gebiete wurden gleichzeitig in Essen eine Burg und in Duisburg ein Königshof angelegt. Während das fränkische Kastell in Essen primär eine Befestigungsanlage war, hatte der Duisburger Königshof eine andere Funktion: Hier flossen die Erträge der umliegenden größeren Ländereien zusammen, um den König und sein Gefolge zu versorgen, wenn sie sich hier oder in der Nähe aufhielten.
Die fränkische Königswürde ging im Jahr 751 schließlich von den Merowingern auf die Karolinger über. Karl Martells Sohn Pippin der Jüngere wird zum ersten karolingischen König der Franken. Bis zum Machtantritt des Sachsen Heinrich I. sollten die Karolinger an der Macht bleiben. Das Amt des Hausmeiers schafften sie aus gutem Grund ab.

Bei dem Machtwechsel spielte statt einer Erbfolge erstmals der Aspekt des Gottesgnadentums eine wichtige Rolle. Der nachlassende politische und strategische Erfolg der Merowinger wurde als Anzeichen nachlassender Gottesgnade angesehen – Gott schien den Merowingern nicht mehr wohlgesonnen zu sein. Die Erfolge der Karolinger galten hingegen als Beleg für das Gegenteil. Auf diese Weise durch Gottes Gnade legitimiert, beanspruchten die Karolinger schließlich die Königswürde für sich.
Auch König Pippin ging gegen die Sachsen vor und schlug u. a. 753 bei Haltern am See einen sächsischen Aufstand nieder. Noch zu Lebzeiten teilte Pippin das fränkische Reich 768 unter seinen Söhnen Karl und Karlmann auf. Nachdem Karlmann 771 verstorben war, nur drei Jahre nach seinem Herrschaftsantritt, fiel das komplette fränkische Reich an Karl, der somit Alleinherrscher wurde und bald „Karl der Große“ genannt wurde.
Unter Karl dem Großen erlebte das fränkische Reich einen erneuten Aufschwung. Von der Vorstellung geleitet, ein Reich in Anlehnung an das ehemalige Römische Reich zu gestalten, setzte er zahlreiche Reformen um, die das Bild des heutigen Europas enorm prägten. Heute wie damals wird er auch als „Vater Europas“ bezeichnet. Die Einführung und die Ausübung des Christentums war Karl dem Großen ein besonderes Anliegen. Hierzu unternahm er im Laufe seiner Herrschaft viele Feldzüge, die das Gebiet des fränkischen Reiches noch erheblich erweitern sollten. Für die heutige Ruhrregion sind dabei besonders die Kriege gegen die Sachsen bedeutsam, die 772 begannen. In diesem Jahr eroberte Karl die Eresburg im Osten des heutigen Nordrhein-Westfalen und zerstörte in der Nähe die Irminsul, ein sächsisches Heiligtum. Drei Jahre später konnte er nach einer Belagerung die Sigiburg zurückerobern. Nach mehreren gescheiterten Rückeroberungsversuchen der Sachsen drängten die Franken sie bis zur Lippe zurück, das Land zwischen Ruhr und Lippe wurde wieder in das fränkische Reich eingegliedert.
Von 772 bis 804 lag Karl der Große insgesamt über 30 Jahre lang immer wieder mit den Sachsen im Krieg, bis er ihre Territorien schließlich dem fränkischen Reich angliedern und den Bewohnern den christlichen Glauben aufzwingen konnte. Die als „Sachsenkriege“ zusammengefassten Auseinandersetzungen wurden von Karls Biografen Einhard als sehr grausam und anstrengend beschrieben. Als besonders problematisch erwies sich, dass die Sachsen aus vielen unterschiedlichen Gruppierungen bestanden: Die Unterwerfung eines sächsischen Stammes bedeutete noch lange nicht, dass andere Stämme dies akzeptierten und sich den entsprechenden Vereinbarungen mit den Franken anschlossen. In der Folge flammten immer wieder neue Kämpfe auf und trugen maßgeblich zur Verlängerung der Sachsenkriege bei.
Der Hellweg, eine bereits seit Jahrhunderten existierende Handels- und Heerstraße, wurde unter Karl dem Großen zur Königsstraße (via regia) ausgebaut. Von Köln kommend, verlief der Hellweg im Bereich des heutigen Ruhrgebiets von Duisburg im Westen über Dortmund im Osten bis in den Teutoburger Wald bei Paderborn. Die Franken nutzen ihn als Versorgungsstraße für ihre Eroberungskriege. Mit dem Ausbau zur Königsstraße gehörte der Hellweg rechtlich dem König und stand unter seinem Schutz. Auf diese Weise sicherte er sich die wichtige Ost-West-Achse nach Paderborn, dem Zentrum des sächsischen Gebiets. In einem Abstand von 15-20 km nur etwa einen Tagesmarsch voneinander entfernt, ließ Karl entlang des Hellwegs zahlreiche Königshöfe gründen und viele Ländereien zum Reichsgut erklären. Somit war eine optimale Versorgung durchziehender Truppen und des Hofes gewährleistet, der an verschiedenen Orten am Hellweg einkehrte.
Bis in das Spätmittelalter hinein war das „Reisekönigtum“ üblich. Der König regierte nicht ständig von einem Ort aus, sondern zog mitsamt seinem Gefolge von bis zu mehreren hundert Personen durch das Reich. Hierbei bewohnte er entsprechend zeitweilig repräsentative Anlagen, sogenannte „Königshöfe“ bzw. größere „Königspfalzen“. Diese Art der Herrschaftsorganisation war einerseits durch die Größe des Reiches bedingt: Zur Kontrolle und direkten Herrschaftsausübung im jeweiligen Gebiet war die Präsenz des Königs vor Ort nötig. Er reiste dabei insbesondere in Regionen, die durch Krisen in Aufruhr geraten waren. Neben dem politischen Aspekt bedingte andererseits die Versorgung des Hofes das Reisekönigtum. War es aufgrund noch unzureichender Transportwege und -mittel nicht möglich, den gesamten Hofstaat ständig an einem einzelnen Ort zu versorgen, so gelang dies an wechselnden Orten.
Besonders bedeutende Königshöfe wurden u. a. Recklinghausen, aufgrund der strategisch guten Lage, und Dortmund als Zentrum der Reichsgutverwaltung. Dortmund war zudem ein Knotenpunkt zweier wichtiger Handelsrouten: Neben dem Hellweg führte eine Nord-Süd-Verbindung von Köln nach Norddeutschland durch den Ort. Durch diese verkehrsgünstige Lage gewann Dortmund schnell an Bedeutung und zog viele Händler wie auch neue Einwohner an. Weitere Königshöfe entstanden u. a. im heutigen Bochum, Westhofen, Brakel und Werl. Vermutlich legte Karl auch im heutigen Dorsten einen Stützpunkt an. Während der Sachsenkriege Karls des Großen war die Gegend zwischen Lippe und Ruhr immer wieder Durchzugsgebiet für die anstehenden Schlachten, die zumeist weiter östlich im sächsischen Kernland stattfanden.
Zur Vereinheitlichung der Reichsverwaltung und Durchsetzung der fränkischen Herrschaft ließ Karl 782 auch die eroberten Gebiete in Sachsen in Grafschaften einteilen, eine bereits seit der Merowingerzeit bekannte Verwaltungseinheit. Die Grafen wurden vom König ernannt, gehörten jedoch oftmals bereits zur lokalen adeligen Führungsschicht. Als Amtsträger waren sie umfassend für die Verwaltung des königlichen Grunds zuständig, waren oberste militärische Befehlshaber und Richter in einer Person. Die Ausführung ihrer Aufgaben wurde vom König über „Königsboten“ kontrolliert.
Ein Wendepunkt der Sachsenkriege war die Unterwerfung des sächsischen Herzogs Widukind, mit dem sich Karl im Laufe seiner Eroberungsversuche besonders viele Auseinandersetzungen geliefert hatte. 785 führte Karl Friedensverhandlungen mit Widukind, der sich schließlich unterwarf und taufen ließ. Die danach abermals entstandenen Aufstände führten zu zahlreichen Deportationsmaßnahmen der Franken: Teile der sächsischen Bevölkerung wurden in fränkische Gebiete zwangsumgesiedelt, umgekehrt wurden Franken in sächsischen Gebieten angesiedelt.
Im Jahr 797 nahmen an der Reichsversammlung in Aachen sowohl Karl als auch Vertreter der einzelnen sächsischen Volksstämme teil. Dabei wurde das sächsische Land in neu geschaffene Bistümer untergliedert, u. a. wurde Paderborn zum Bistum erhoben und dem Erzbistum Mainz zugeordnet. Bis heute ist ein Erzbistum ein von einem Erzbischof geleitetes Bistum, das einer aus mehreren Bistümern bestehenden Kirchenprovinz vorsteht. Mit der Neu- bzw. Umorganisation der Bistümer durch Karl den Großen förderte er eine allgemein als "Reichskirche" bezeichnete enge Anbindung der kirchlichen Strukturen an die weltliche Herrschaft im Reich.
Erst im Jahr 804 gelang Karl mit seiner letzten Schlacht gegen die Sachsen ihre endgültige Unterwerfung. Die sächsischen Gebiete im heutigen Nordwestdeutschland wurden als Herzogtum in das fränkische Reich eingegliedert. In dieser Zeit trat die „Lex Saxonum“ in Kraft, das Gesetz der Sachsen. Es lehnte sich in seinen Grundzügen an das fränkische Recht an, berücksichtigte zugleich aber auch altes sächsisches Stammesrecht. Allerdings wurden alle Hinweise auf heidnisches Brauchtum entfernt, da fortan allein die Ausübung der christlichen Religion erlaubt war.
Die Eingliederung der Sachsen in das fränkische Reich beruhigte die Situation im Gebiet zwischen Lippe und Ruhr. Karl der Große wandte sich verstärkt anderen Aufgaben zu, in der Ruhrregion traten nun einheimische Anführer wieder stärker hervor.
Im Jahr 800 zog Karl nach Rom und ließ sich von Papst Leo III. zum ersten nachrömischen Kaiser Westeuropas krönen. Mit dem von Julius Caesar abgeleiteten Titel stellten sich die mittelalterlichen Kaiser in die Tradition der römischen Herrscher, betrachteten sich als rechtmäßige Nachfolger der römischen Caesaren und wollten, auch aus territorialer Sicht, das römische Reich wieder einrichten. Kaiser wurden vom Papst zum Verteidiger des Abendlandes und des christlichen Glaubens ernannt. Bei den Karolingern wurde das Kaisertum weitervererbt: Karl der Große hatte seinen Sohn Ludwig zum Mitkaiser gekrönt. Nach Karls Tod 814 bestieg sein Sohn Ludwig der Fromme entsprechend als Kaiser den Thron und wurde legitimer Herrscher des fränkischen Großreichs.

Im Hinblick auf die weitere Entwicklung in Europa und dem Gebiet an Rhein und Ruhr war die fränkische Reichsteilung im 9. Jahrhundert bedeutend. Unter den Söhnen Ludwigs des Frommen wurde das fränkische Großreich 843 im Vertrag von Verdun in drei Herrschaftsbereiche aufgeteilt: "Karl der Kahle" wurde König des „Westfrankenreichs“, aus dem später Frankreich hervorging. Über das Ostfrankenreich, dem Vorläufer des späteren "Heiligen Römischen Reiches", sollte "Ludwig der Deutsche" herrschen. Das "Mittelreich", das spätere Lothringen, wurde Lothar I. zugeteilt. Damit schuf Kaiser Ludwig der Fromme die Grundlage für die Entstehung von Frankreich und Deutschland. Aufgrund mehrerer Ereignisse ging das fränkische Mittelreich nach und nach in die beiden anderen fränkischen Teilreiche über.
Der Vertrag von Verdun verwies darauf, dass im West- und Ostfrankenreich unterschiedliche Sprachen gesprochen wurden. Während die Sprachen im Westen auf dem Lateinischen basierten, setzten sich im Osten die germanischen Sprachwurzeln stärker durch. Entsprechend enthielt der Vertrag Passagen, die einerseits in „Romanisch“ bzw. Altfranzösisch („romana lingua“), andererseits in Althochdeutsch („teudisca lingua“) verfasst wurden. Das althochdeutsche Wort „diutisc“, aus dem viel später „deutsch“ wurde, bedeutete ursprünglich soviel wie „volksmäßig“, „zum Volk gehörend“, „die Sprache des Volkes sprechend“ - im Unterschied zu den Sprachen anderer Völker oder dem Latein der Priester. Ab dem 10. Jh. wurde der Begriff allgemein für die Bewohner des Ostfrankenreichs verwendet, das sich territorial in vielen Teilen mit dem heutigen Deutschland deckte. Ludwigs in späterer Zeit entstandener Beiname „der Deutsche“ beruht darauf, dass ihn die Westfranken seiner Zeit auch „rex germanorum“ (König der Germanen) nannten. Von einem „deutschen“ Reich kann man jedoch erst unter der späteren Herrschaft der Ottonen im 10. Jh. sprechen.
Mitte des 9. Jh. wurde der Niederrhein und das Gebiet um die Ruhr erneut aufgewühlt durch den Einzug der Normannen, die von Skandinavien aus in neue Gebiete abwanderten. Die Normannen galten als besonders grausam und raubgierig, sie brandschatzten sowohl Siedlungen und Städte wie auch Klöster und Kirchen. Im Jahr 863 fielen sie erstmals in Xanten ein und zerstörten die dortige Kirche nach der Plünderung völlig. Die mutmaßlich in der Kirche aufbewahrten Gebeine des Hl. Viktor sollen nach dem Eintreffen der ersten Nachrichten über die Plünderungen am Rhein vorsorglich nach Köln überführt worden sein. Auch den benachbarten Marktort Birten plünderten die Männer aus dem Norden vollständig, bevor sie auf der Bislicher Insel überwinterten. Im Jahr 880 überfielen sie Birten erneut und verwüsteten den Ort. Drei Jahre später erreichten die Normannen mit ihren Langbooten Duisburg. Nachdem sie den dortigen Königshof eingenommen hatten, errichteten sie dort ihr Winterlager.
Der ostfränkische Herzog Heinrich sollte die Normannen aufhalten. Mit dem Ziel der Wiedereinnahme des Duisburger Königshofs plante er seinen Rückeroberungsfeldzug von der Burg Broich aus, die an der engsten Stelle der Ruhr im östlichen Duisburg lag. Mit einer Übermacht an Soldaten gelang es dem Herzog im Frühling 884, die Normannen auf die andere Rheinseite zurück zu drängen und somit Duisburg von der Belagerung zu befreien. Die urkundliche Erwähnung dieses Feldzugs ist der erste urkundliche Hinweis auf den Ort Duisburg.

Die königliche karolingische Zentralgewalt wies zu Beginn des 10. Jh. bereits große Schwächen auf. Insbesondere im Ostreich, wo sich die sich die Übergriffe von Ungarn und Normannen häuften, verloren die Karolinger an Einfluss. Auf dieser Basis bildeten sich Strukturen, die zur Herrschaftsausübung in der Lage waren und schnell vor Ort eingreifen konnten: Stammesherzogtümer wie Sachsen, Bayern, Thüringen, Lothringen, Schwaben und das ostfränkische Herzogtum Franken. Je schwächer das karolingische Königsgeschlecht wurde, desto bedeutender wurden die obersten Anführer der Stammesherzogtümer, die unter der nachfolgenden Dynastie zu großem Einfluss gelangen sollten. Diese Entwicklungen führten mit Beginn des 10. Jh. zu einer baldigen Ablösung des karolingischen Königshauses im ostfränkischen Königreich.


