Hochmittelalter (900-1250)
Die Ottonen
Mit Beginn der ottonischen Herrschaft rückte das Ruhrgebiet wieder in den Blickpunkt königlicher Interessen. Der Hellweg, der bereits von Karl dem Großen ausgebaut worden war, wurde wieder zu einer wichtigen Verbindung für das Reich. Für die zunehmende Bedeutung der Ruhrregion sprechen die häufigen dortigen Aufenthalte Heinrichs I.: Im März 927 besuchte er Essen, ein Jahr danach hielt er sich zu Ostern in Dortmund auf, ein weiteres Jahr später soll er sich abermals in Essen aufgehalten haben. Im Jahr 929 hielt Heinrich in Duisburg eine Reichssynode ab - demzufolge hielt er sich also erneut für längere Zeit an der Ruhr auf. Duisburg wurde allgemein sehr häufig von den deutschen Königen aufgesucht. Dortmund entwickelte sich ebenso zu einem wichtigen Aufenthaltsort für die Herrscher des Reiches.
Heinrichs Nachfolger, der spätere Kaiser Otto I. der Große, hielt kurz nach Herrschaftsantritt 938 in Essen-Steele einen Hoftag ab. Dort wurde den Angehörigen des westfälischen Adels die Gelegenheit geboten, dem neuen König zu huldigen, falls diese bei der Krönung in Aachen 936 nicht teilgenommen hatten. Auf dem Hoftag wurden des weiteren Rechtsstreitigkeiten bezüglich des sächsischen Erbrechts geklärt. Der König urteilte außerdem über das Verhalten des Herzogs Eberhard von Franken, der mit Otto nachhaltig in Konflikt geraten war.
Der Herrschaftsantritt von Otto dem Großen stellt eine neue Art der Vererbung des Reiches dar: Während vorher die Gebiete unter allen legitimen Söhnen des Herrschers aufgeteilt wurden, so wurde die Krone jetzt an den erstgeborenen Sohn weitergegeben, sofern dieser von den Großen des Reiches akzeptiert und gewählt wurde. Unter niederen Adeligen wurde diese Vorgehensweise bei der Vererbung von schon länger praktiziert und fand nun ihren Weg in die höchsten Kreise. Das Reich wurde somit unteilbar. Allerdings war die neue Praxis nicht unproblematisch, da Ottos Bruder Thankmar ebenso den Königsthron für sich beanspruchte. Er begründete dies mit den Umständen zu seiner Geburt: Während Otto noch als Herzogssohn zur Welt gekommen war, wurde Thankmar als echter Königssohn geboren und wähnte sich entsprechend als rechtmäßiger Nachfolger. Seine Unternehmungen zur Machtübernahme sollten jedoch allesamt scheitern. Otto geriet darüber hinaus mit seinem anderen Bruder Heinrich in Konflikt. 939 standen sich die verfeindeten Brüder in Birten bei Xanten in einer Schlacht gegenüber. Bei der Auseinandersetzung schlugen die Truppen Ottos des Großen die eigentlich übermächtigen Streitkräfte von Heinrich. Der Sieg wurde Gottes Wohlwollen gegenüber Otto zugeschrieben, der während der Schlacht ein intensives Gebet an Gott gerichtet hatte.
Mit den Ottonen gewann der Hellweg wieder zunehmend an Bedeutung, da ihn die sächsischen Herrscher als wichtigste Verbindung zu ihren Hausgütern im sächsischen Kernland betrachteten. Nach einem ersten Aufenthalt im Jahr 941 besuchte Otto der Große Dortmund im Laufe seiner Regentschaft insgesamt fünfmal. Bei diesen Gelegenheiten stellte er dem Ort im Laufe der Zeit verschiedene Privilegien aus. In diesem Zusammenhang waren Privilegien besondere Rechte, die der König oder der jeweilige Landesherr ausgesuchten Siedlungen verleihen konnte, wie etwa das Marktrecht, das Recht auf das Abhalten regelmäßiger Märkte in einem Ort. Weil es dem jeweiligen Ort viele Einnahmen bescherte, war das Marktrecht ein sehr wichtiges Privileg. Der Marktherr gewährte freien Handel wie auch die Sicherheit der Besucher und Händler. Meist richtete der Ort noch ein Gericht ein, das über den Markt betreffende Streitigkeiten entschied. Die Märkte fanden in der Regel wöchentlich statt. Darüber hinaus richteten die größeren Ortschaften jährliche Jahrmärkte aus, die verschiedene Händler aus anderen Regionen anzogen. Auf den Jahrmärkten verkauften die Händler neben Produkten aus Nachbarregionen gleichermaßen seltene Ware wie Gewürze aus fernen Ländern und Tuche. Wolle, Flachs, Käse, Butter und Tierhäute waren ebenfalls begehrte Handelswaren.
In Dortmund am Hellweg feierte der König Feste wie Ostern und hielt Hoftage ab. Wegen der großen Bedeutung des Ortes wurde der Dortmunder Königshof zur Königspfalz ausgebaut. Eine Pfalz ist ein größerer Komplex aus mehreren Einzelgebäuden, der als eine Art Palast dem König und seiner Familie den nötigen Komfort für längere Aufenthalte bieten sollte. Zudem waren Pfalzen häufig durch Befestigungen geschützt. Damit der König vor Ort an standesgemäßen Gottesdiensten teilnehmen konnte, wurde eigens für die Dortmunder Pfalz eine Kirche errichtet, deren ältester Teil heute zur Dortmunder Reinoldikirche gehört. Dortmund war noch häufiger Schauplatz wichtiger königlicher Entscheidungen und Treffen: Otto II. hielt dort 978 eine Reichsversammlung ab, auf der ein Feldzug gegen die Franken beschlossen wurde. Der folgende König Otto III. hielt sich ebenfalls häufiger in Dortmund auf, z. B. traf er sich dort 992 mit einigen Gesandten des westfränkischen Königs und hielt ein Jahr später eine Reichsversammlung ab. Ende des 10. Jh. erhielt Dortmund unter Otto III. das Münzrecht, das Privileg, in einer eigenen Münzstätte Münzen zu prägen. Da Dortmund zum königlichen Besitz zählte, waren die in Dortmund geprägten Münzen königlich.

Auch der Duisburger Königshof wurde im 10. Jh. zu einer größeren befestigten Pfalz ausgebaut, um die Infrastruktur am bedeutenden Hellweg zu stärken. In Essen wurde das Münster im Jahr 946 durch einen Brand bis auf die Grundmauern zerstört. Dabei verbrannten sämtliche Urkunden des Stifts. Ein Jahr danach bauten die Stiftsoberen das Münster wieder auf. Im selben Jahr gewährte Otto der Große dem Stift kirchliche Immunität, einen rechtlichen Sonderstatus, der das Stift von staatlichen Abgaben und weltlichem Einfluss von außen befreite. Mit der Verleihung der Immunität unterstellte der König die jeweilige Institution seiner unmittelbaren Herrschaft, d. h. sie wurde „reichsunmittelbar“; das Stift wurde zum „Reichsstift“. Auch die Erlaubnis auf die freie Wahl der Äbtssin wurde vom König bestätigt. Darüber hinaus wurde das Stift von Papst Agapitus unter die Jurisdiktion der päpstlichen Kurie gestellt, d. h. es wurde direkt dem Papst unterstellt, ohne die Möglichkeit der Einmischung anderer geistlicher Instanzen. Da das Stift dem ottonischen Herrscherhaus sehr wichtig war, wurde Mathilde, die Enkelin von Otto dem Großen, 971 zur Äbtissin erhoben. Sie gilt als die bedeutendste Äbtissin des Stifts und behielt die Stellung 40 Jahre lang. In der Umgebung des Stifts siedelten sich nach und nach Kaufleute an, die von der Nähe zum Hellweg profitieren wollten. Dadurch wuchs Essen allmählich zu einem größeren Ort heran.
Im Kloster Werden wurde 943 das Westwerk der Abteikirche durch den Kölner Erzbischof geweiht. Das Kloster verwendete die Kirche neben dem Gottesdienst gelegentlich für kirchliche Gerichtsverhandlungen. Eine weitere Weihe durch den Kölner Erzbischof fand 957 statt: Die Kapelle über der Werdener Quelle wurde dem Hl. Clemens geweiht und bekam den Namen „Zum Born“. Weil dem Kloster zahlreiche Schenkungen zuteil wurden, wuchsen seine Besitztümer stetig an, so wurde dem Kloster z. B. um 970 ein Hof in Herten geschenkt. Die Erwähnung dieser Schenkung im Schenkungsregister von Werden stellt die erste schriftliche Erwähnung von Herten dar. 974 verlieh Otto II. Werden auf Bitte seiner Gattin Theophanu das Recht auf einen Jahrmarkt und eigene Münzprägung.
Mit der Regentschaft der Ottonen vollendete sich die Bildung eines Reiches, für das sich nach und nach der Begriff „deutsch“ einbürgerte. Obwohl es in den folgenden Jahrhunderten noch zu mannigfaltigen Änderungen des Territoriums kommen sollte, wurde mit der Unteilbarkeit des Reiches die Grundlage für das spätere Deutschland geschaffen. Insbesondere die sächsischen Gebiete konnten sich vollständig in das Reich eingliedern und sich seiner Kultur annähern. In den Bereichen von Kunst und Wissenschaft entstanden zahlreiche Weiterentwicklungen und auch die Klerikerausbildung erhielt neuen Aufschwung.
Die Ottonen trieben die Bildung der Reichskirche voran. Der Begriff der Reichskirche umfasst sämtliche Kirchen und Klöster, die als „Reichsgüter“ zum Grundbesitz des Königs gehörten und seiner unmittelbaren Herrschaft unterstanden. Insbesondere unter den Ottonen steht der Begriff „Reichskirche“ allgemein auch für die Herrschaft des Königs über die Kirche. Der König behielt sich das Recht vor, Bischöfe und Äbte einzusetzen. Er übertrug ihnen großen Grundbesitz als Lehen und sicherte ihnen Einkünfte durch das Gewähren von Hoheitsrechten wie dem Zoll-, Münz- und Marktrecht. Im Gegenzug mussten die Kirchen und Klöster den „gottgewollten“ König geistlich durch Gebete und Fürbitten loyal unterstützen, dem Königshof Unterkunft gewähren und dem königlichen Heer bei Bedarf Panzerreiter stellen. So dehnte sich der Einflussbereich der kirchlichen Institutionen verstärkt auch auf den weltlichen Bereich aus. Mit diesen Maßnahmen verband der König die Kirche enger mit dem Reich. Ein Beispiel für die personifizierte enge Verzahnung von Reich und Kirche ist Brun, ein Bruder Ottos des Großen, denn er war zugleich Erzbischof von Köln und Reichsfürst des Herzogtums Lothringen. In beiden Funktionen unterstützte er seinen königlichen Bruder und trug so auch zur Festigung der Reichskirche bei.



