Frühe Neuzeit (1500-1800)

Politische Entwicklung

Nachdem sich im Mittelalter die politischen Territorien im späteren Ruhrgebiet herausgebildet hatten, änderten sich diese bis 1700 nicht mehr grundlegend. So behielt das Herzogtum Kleve-Mark trotz stetig wechselnder Landesherren seine Strukturen bei und war aufgrund ihrer geografischen Lage besonders für die Großmächte Europas von besonderem Interesse. Nach dem sich zuvor Kleve und Mark zusammengeschlossen hatten, trat der klevische Erbprinz Johann aufgrund einer sorgfältig geplanten Heiratspolitik 1511 die Nachfolge der Herzogtümer Jülich und Berg an. Als sein Vater gestorben war, fiel ihm die Regentschaft über das klevisch-märkische Gebiet zu und aus diesen Territorien entstanden die Vereinigten Herzogtümer Jülich-Kleve-Berg. Damit hatte sich ein sehr großes Gebiet zusammengeschlossen, das fast die Größe des heutigen Nordrhein-Westfalens besaß. Um die Verwaltung der einzelner Gebiete zu gewährleisten, war das Areal der Herzogtümer in verschiedene Ämter unterteilt worden, welche die Verwaltungsaufgaben vor Ort übernahmen. Im märkischen Teil existierten die Ämter Bochum, Hörde, Blankenstein, Wetter und Schwerte. Das Amt Bochum, das sich um das komplette Gebiet zwischen den angrenzenden Territorien des Stifts Essen und der Reichsstadt Dortmund kümmerte, bildete das größte Verwaltungsgebiet. Im klevischen Lippe-Ruhr-Raum wurde das Drostenamt Dinslaken eingerichtet.

Admiral Don Francesco de Mendoza, seit 1598 Oberbefehlshaber des Spanischen Heeres im 80-jährigen Krieg (Quelle: Quadrat Bottrop Museum für Ur-  und Ortsgeschichte)
Admiral Don Francesco de Mendoza, seit 1598 Oberbefehlshaber des Spanischen Heeres im 80-jährigen Krieg (Quelle: Quadrat Bottrop Museum für Ur- und Ortsgeschichte)

Für die Region war besonders der 80-jährige Krieg zwischen den Niederlanden und Spanien von Bedeutung. Der Krieg fand, mit einigen Unterbrechungen, in der Zeit von 1568 bis 1648 statt. Im diesen Zeitraum fallen auch zwei weitere Kriege. Der „ Kölner Krieg“, den man nach einem der Kriegsführenden, Gebhard Truchsess von Waldburg, auch den „Truchsessischen Krieg“ nannte, fand von 1583 bis 1588 statt. Ihm folgte 20 Jahre später, von 1618 bis 1648, der 30-jährige Krieg. Aufgrund der teilnehmenden Kriegsparteien und ihrer Bündnispolitik kam es bei den Konflikten allerdings öfters zu Überschneidungen.

Im „80-jährigen Krieg“ versuchte die „Republik der sieben niederländischen Provinzen“ ihre Unabhängigkeit von der spanischen Krone zu erlangen. In diesem Konflikt diente das spätere Ruhrgebiet beiden Seiten als Versorgungsraum für ihre Heere. Immer wieder fanden Plünderungen durch die Spanier und die Niederländer statt. Hinzu kam, dass viele Plünderungen mit einem Blutbad endeten und die Bevölkerungszahl im 16. Jahrhundert stark sank.

Gebhard Trucheß von Waldburg, 1577 (Quelle: Quadrat Bottrop Museum für Ur-  und Ortsgeschichte)
Gebhard Trucheß von Waldburg, 1577 (Quelle: Quadrat Bottrop Museum für Ur- und Ortsgeschichte)

Der Truchsessische Krieg war ein Konflikt zwischen Gebhard Truchsess von Waldburg und Ernst von Bayern aus dem Hause Wittelsbach. Gebhard Truchsess von Waldburg, der Erzbischof von Köln, war im Zuge der Reformation zum Protestantismus übergetreten. Da er sich aber weigerte, sein Bischofsamt nach dem Konfessionswechsel nieder zu legen, wurde er vom Papst des Amtes enthoben. Ernst von Bayern, der neu eingesetzte Erzbischof von Köln, entsandte ein Heer, um insbesondere das Vest Recklinghausen wieder unter kurkölnische Herrschaft zu bringen. Im Frühjahr 1584 wurden sowohl Werl als auch Recklinghausen zurück erobert. Auch die Hohenlimburg bei Hagen wurde belagert und eingenommen.

Der Reformation wurde die Gegenreformation entgegen gestellt. Die katholische Kirche versuchte nun, dem Protestantismus entgegen zu wirken. Dazu gehörte auch die Besetzung der Grafschaft Moers, als Folge der schwerwiegenden Differenzen zwischen dem katholischen Spanien und den protestantischen Niederlanden. Graf Adolf von Moers und Neuenahr war gleichzeitig auch Gouverneur von Utrecht und Geldern. Geldern war zwischen 1578 und 1587 von den Niederländern besetzt.

Moers wurde 1586 von spanischen Söldnern besetzt. Zwei Jahre später geschah dasselbe in Ruhrort. Ebenso wurde das Stift Essen von den Spaniern geplündert. Besonders unerbittlich war der Einfall eines spanischen Heers unter Francisco de Mendoza im Jahr 1598. Mendoza fiel dabei in Kleve-Mark und in das Bistum Münster mit einer Truppenstärke von vermutlich 24.000 Mann ein. Seine Soldaten verübten verheerende Greueltaten und plünderten Dorsten, Gelsenkirchen und Recklinghausen. Das Ziel der Spanier war die Auslöschung des Protestantismus, da die Katholiken die neue Konfession als Ketzerei ansahen. Die Bewohner der Grafschaft versuchten sich in Höhlen, Wäldern und Burgen zu verstecken, um der spanischen Besetzung, die langsam auch auf andere Teile des Ruhrgebiets übergriff, zu entgehen. Letztlich konnten sich nur Dortmund und Soest aufgrund ihrer guten Stadtbefestigungen vor der völligen Zerstörung retten. Zudem forderte ein erneuter Ausbruch der Pest um das Jahr 1600 wieder viele Opfer und die Bevölkerungszahl im Ruhrgebiet ging abermals zurück.

Um 1609 verlor das Herzogtum Jülich-Kleve-Berg seinen letzten Nachfolger aus der märkischen Linie und fiel damit wieder auseinander. Das Territorium an Lippe und Ruhr fiel in den Blick europäischer Großmächte wie Spanien, Habsburg und Bayern und im weiteren der Niederlande und Brandenburg. Jede genannte Partei stellte Ansprüche auf die Vereinigten Herzogtümer. Kaiser Rudolf von Habsburg betrachtete die Herzogtümer als Lehen, die ihm zustanden, während der Kurfürst von Brandenburg und der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg erbrechtliche Ansprüche darauf geltend machten. Die Auseinandersetzung über das Erbe wird als „Jülich-Klevischer Erbfolgestreit“ bezeichnet. Die beiden Fürsten regierten die Herzogtümer zunächst gemeinsam. Bei Beginn der Regentschaft hingen beide noch dem Luthertum an. Doch aufgrund eines Konfessionswechsel der beiden Fürsten ließ sich die gemeinsame Herrschaft nicht mehr aufrecht erhalten. Der Kurfürst von Brandenburg trat zum Calvinismus über, während der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg zum Katholizismus konvertierte. Beide Konfessionswechsel waren politisch motiviert. Im Jahr 1614 entstand dadurch erneut die Gefahr einer religiös bedingten Auseinandersetzung, da sich beide Kontrahenten Verbündetet suchten. Der Kurfürst von Brandenburg sicherte sich die Hilfe der Niederlande, während der Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg die Unterstützung der Spanier erhielt. Da aber beide Parteien einen erneuten niederländisch-spanischen Krieg vermeiden wollten, wurde am 12. November 1614 zwischen dem Kurfürst von Brandenburg und dem Pfalzgraf von Pfalz-Neuburg der „Vertrag von Xanten“ unterzeichnet. Darin wurde die Religionsfreiheit und die Teilung des Großterritoriums Jülich-Kleve-Berg beschlossen. Kleve-Mark fiel an Brandenburg, Jülich-Berg unterstand laut Vertrag der Herrschaft von Pfalz-Neuburg.

Durch die Vorherrschaft Brandenburgs im 17. Jahrhundert und die damit verbundene Randlage des Territoriums Kleve-Mark konnten die Kurfürsten von Brandenburg nicht ständig anwesend sein. Kleve-Mark geriet damit in eine fast führungslose Situation und durch die ständigen kriegerischen Handlungen des 80-jährigen Kriegs war das Land faktisch schutzlos.

Aquarellierte Federzeichnung der Burg Raesfeld um 1590 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)
Aquarellierte Federzeichnung der Burg Raesfeld um 1590 (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Mit Beginn des 30-jährigen Krieg, entwickelte sich ein Konflikt, der zum einen den religiösen Gegensatz der „Protestantischen Union“ und der „Katholischen Liga“ innerhalb des „Heiligen Römischen Reiches“, zum anderen auch das Ringen um die politische Vorherrschaft in Europa zwischen Frankreich und Habsburg (habsburgischer-französischer-Gegensatz) zum Inhalt hatte. Aus einem zunächst konfessionell bedingten Religionskrieg wurde so eine europaweite, politische Angelegenheit, an dem katholische und protestantische Staaten beteiligt waren. Der Auslöser des Krieges war der „Prager Fenstersturz“. Das protestantische Böhmen lehnte sich gegen die Rekatholisierung durch den Habsburger Kaiser Ferdinand II. auf, der in Böhmen auch König war. Beim „Prager Fenstersturz“ stießen Vertreter der böhmischen Stände zwei kaiserliche Botschafter vor Wut aus einem Fenster. Durch diesen Akt erklärte Böhmen dem Kaiser auf unmissverständliche Weise den Krieg. Um 1620 kam der Krieg an Lippe und Ruhr an.

Der Lippe-Ruhr-Raum wurde, wie schon in den vorherigen Zeitepochen, gerne als Durch- und Rückzugsraum verwendet. Insbesondere die Spanier und die Niederländer quartierten sich dort immer wieder ein und belasteten damit die Lebenssituation der Bevölkerung sehr. Besonders schlimm war die Tatsache, dass sowohl Verbündete als auch Feinde die Ruhrregion ohne Rücksicht plünderten und die Bevölkerung dabei stark in Mitleidenschaft gezogen wurde. Das Leben in den einst blühenden Städten wurde immer trostloser. Ebenso fanden Auseinandersetzungen in bestimmten Gebieten wie im Vest Recklinghausen oder in Dortmund statt.

Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel. Das Gemälde von Paulus Moreelse zeigt den "tollen Christian" im Kürisserharnisch zu Beginn seiner kriegerischen Laufbahn 1619 (Quelle: wikipedia, gemeinfrei)
Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel. Das Gemälde von Paulus Moreelse zeigt den "tollen Christian" im Kürisserharnisch zu Beginn seiner kriegerischen Laufbahn 1619 (Quelle: wikipedia, gemeinfrei)

Ein berüchtigter Kriegsherr war Christian von Braunschweig, auch der „tolle Christian“ genannt. Er fiel 1622 mit seinen Soldaten in die Ruhrregion ein und plünderte dabei Marl. Eine weitere Besetzung fand 1641 in Dorsten statt. Das kölnisch-katholische Dorsten war seit 1633 von den protestantischen Hessen besetzt. Das kaiserliche Militär versuchte die Festung Dorsten zurück zu erobern, was dann letztlich gelang.

Der 30-jährige Krieg konnte erst mit dem Westfälischen Frieden 1648 in Münster beendet werden. Auch der 80-jährige Krieg fand mit dem Westfälischen Frieden sein Ende. Spanien und die Niederlande wurden als souveräne Staaten anerkannt. Mit den „Vereinigten Niederlanden“ entstand somit die erste neuzeitliche Republik. Damit erfolgte auch der Ausschluss aus dem „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“.

Die Schweizer Eidgenossenschaft wurde ebenso für unabhängig vom „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ erklärt. Zudem wurden die evangelische und katholische Konfessionen für gleichrangig erklärt und besaßen dieselbe Rechtsstellung. Durch den westfälischen Frieden ergaben sich aber kaum Änderungen in der Ruhrregion, dem späteren Ruhrgebiet, da die territorialen Veränderungen dort keinen Einfluss hatten. Die Landesherren von Kleve-Mark und Jülich-Berg standen sich immer noch feindselig gegenüber und so entstanden häufig Übergriffe auf den jeweils Anderen. Das Verhältnis besserte sich erst mit einem Vertrag von 1672 zwischen dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Pfalzgrafen von Pfalz-Neuburg. Richtiger Frieden entstand allerdings erst mit dem Vertrag von Rijswijk.

Im Ruhrgebiet entwickelte sich danach wieder der Handel, neue Wirtschaftszweige, die auf Kohle und Eisen aufbauten, wurden erschlossen.