Preußische Zeit (1815-1918)
Politische und wirtschaftliche Entwicklung 1850-1890
Ab 1850 setzte im ganzen Ruhrgebiet der Aufstieg der Ruhrgebietsorte von eher kleinen Dörfern zu großen Industriestädten ein. Neben den bereits bestehenden Betrieben wurden zahlreiche neue Betriebe gegründet. So auch das Walzwerk Thyssen & Co. in Styrum bei Mülheim an der Ruhr im Jahr 1870, aus dem sich in den folgenden Jahrzehnten einer der größten integrierten europäischen Montankonzerne bilden wird. August Thyssen betrat damit die Industriebühne des Ruhrgebiets. Er hat die Industrie und damit die Entwicklung des Ruhrgebiets entscheidend mitgeprägt.
Der Industrieaufschwung sorgte durch Zuwanderung von Arbeitern für ein explosionsartiges Bevölkerungswachstum in eher kleinen Orten wie z. B. Oberhausen und Gelsenkirchen. Durch das Industriewachstum wuchs die Anzahl der benutzten Dampfmaschinen im Zeitraum von 1850 bis 1870 von 651 Stück auf 11.700 Stück. Die Roheisenproduktion hatte 1870 eine Auslastung von 360.000 Tonnen pro Jahr. Zwanzig Jahre zuvor stellten die Hütten im Ruhrgebiet gerade mal 7.100 Tonnen Roheisen her. Im gesamten Ruhrgebiet wurden zahlreiche, neue Schächte abgeteuft und Kapitalanleger aus dem Ausland wie der Ire Mulvany investierten in die zukunftsträchtigen Unternehmen. Die wachsende Wirtschaft lockte zahlreiche Menschen aus dem Rest Preußens und Polen an, weil die Chancen hier Arbeit zu finden sehr gut waren. Durch die stetige Einwanderung hatten die Städte bald das 6- bis 7-fache ihrer ursprünglichen Einwohnerzahl erreicht. Dies machte im ganzen Ruhrgebiet langsam den Wohnraum knapp und die Menschen lebten immer beengter nebeneinander. Die meisten Unterkünfte waren sehr primitiv und boten in der Regel nur eine Gelegenheit zum Schlafen, die der Arbeiter sich teilweise mit anderen teilen musste.
Insbesondere in den 1850er Jahren wurden viele neue Firmen gegründet und die bereits bestehenden Unternehmen erweiterten sich in großem Maße. Einige Beispiele stellten die Heinrichshütte Hattingen (1854), die Gußstahlfabrik Berger & Co. in Witten (1853) und die Hüttenbetriebe Phoenix in Essen (1854) dar. Die Unternehmen von Krupp, Haniel und Mayer bauten ihre Betriebe immer mehr aus und die Mitarbeiterzahl stieg stetig an. Schachtanlagen und Hüttenbetriebe wurden sehr nah beieinander gebaut, um die Transportwege der Kohle zu den Eisenhütten zu verkürzen. Daraus entstanden große Betriebe, die mehrere Arbeitsschritte miteinander vereinten und dadurch eine schnellere, wirtschaftliche Expansion möglich machten. Die Unternehmen betrieben zum Teil eigene Schifffahrtsgesellschaften, die die Produkte aus den Hütten und Bergwerken weiter transportierten.
Die Neugründungen wurden durch neue preußische Gesetze nach Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 vereinfacht, da die einzelnen deutschen Staaten mit Ausnahme von Österreich sich zusammengeschlossen hatten und nun einen deutschen Nationalstaat unter preußischer Vorherrschaft bildeten. Der Staat zog sich aus den Unternehmen zurück und überließ die Leitung komplett den Betreibern der Bergwerke und Hütten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde eine gemeinsame Reichswährung eingeführt. Darüber hinaus wurden im Justizwesen, im Schulwesen und bei der Post einheitliche Standards gesetzt, die zusätzlich für eine verbesserte, wirtschaftliche Entwicklung sorgten.
Zunehmend entstanden Aktiengesellschaften in der Ruhrregion, die von Kapitalgebern unterstützt wurden und in die sich der Staat aufgrund freierer Marktwirtschaft nicht einmischen konnte. Der wirtschaftliche Aufschwung im 19. Jahrhundert wurde allerdings durch eine internationale Wirtschaftskrise im Jahr 1857 leicht zurückgeworfen, in der viele Zechen gezwungen waren zu schließen. Trotz dieser Krise war die Arbeitskräfteeinwanderung aus dem Osten ungebrochen.
Die Gründerkrise 1873 hatte erheblichere Ausmaße, da diese im Ruhrgebiet zu großer Arbeitslosigkeit und Hungersnöten führte. Der Markt in Europa und den USA litt unter Zahlungsschwierigkeiten und zahlreichen Firmenzusammenbrüchen, sodass die Aktienkurse einbrachen. Diese Entwicklung wirkte sich durch Massenentlassungen und Lohnkürzungen auf das Ruhrgebiet aus. Viele Familien lebten in dieser Zeit am Rande des Existenzminimums und waren kaum in der Lage sich richtig zu ernähren. Die Krise blieb bis 1879 spürbar. Danach erlebte das Ruhrgebiet eine neue Hochkonjunktur und wiederum bekam die Wirtschaft einen Aufschwung in Form neuer Gewerbeformen und der Verdopplung der Kohleförderung. Daher konnten wieder mehr Arbeiter eingestellt werden.
Zahlreiche, sozialpolitische Entwicklungen wurden dadurch in Gang gebracht. Die Wohnungsnot war allgegenwärtig. Der Wohnungsmangel führte wiederum zur Verteuerung von Miete und Grundstückspreisen. Immer neue Wohnsiedlungen entstanden in der Nähe der Zechen und Hütten. Deren Häuser waren nur mit dem Notwendigsten ausgestattet.
Alfred Krupp ließ in der Nähe seiner Gußstahlfabrik in Essen die Wohnkolonie Kronenberg errichten. Durch Alfred Krupp wurde das Wachstum des Krupp-Imperium entschieden vorangetrieben und der Konzern wuchs in rasanten Tempo. 1871 wurden zunächst 336 Wohnungen gebaut. Bis 1874 erhöhte sich die Anzahl der Wohnungen auf über 3200. Die Wohnungen waren unterschiedlich groß und hatten bis zu vier Zimmer zur Verfügung. Für eine Vier-Zimmer-Wohnung musste der Mieter beispielsweise zwischen 175 bis 215 Mark im Jahr bezahlen. Der Durchschnittslohn für einen Arbeiter lag im Jahre 1896 bei ca. 4 Mark pro Schicht. Der Preis einer Wohnung hing von der Zimmeranzahl und der Ausstattung des Wohnraumes ab. Die Siedlungen hatten meist einen dörflichen Charakter: Neben der Straßenbeleuchtung wurden zentrale Plätze, Sportanlagen und Versammlungsräume geschaffen. Konsumanstalten, Läden, in denen die Arbeiter die Produkte für den täglichen Gebrauch erwerben konnten, waren fast in jeder Siedlung zu finden. Zudem besaß jede Wohnung einen eigenen Wasseranschluss. Doch wenn der Arbeiter in diesen Siedlungen lebte, musste dieser sich auch den Regeln des Unternehmers unterwerfen. Besonders Alfred Krupp ließ seine Arbeiter streng überwachen und duldete keinerlei Ausschweifungen. Er untersagte seinen Arbeitern insbesondere die Angehörigkeit in einer Gewerkschaft. Seiner Ansicht nach sollten sich die Arbeiter ausschließlich auf die Arbeit in seinem Unternehmen konzentrieren.
Auch dem preußischen Staat erschien eine soziale Absicherung der Einwohner Preußens notwendig. Wie die Unternehmer reagierte der Staat auf die sozialen Bedürfnisse der Bürger Preußens.Unter Reichskanzler Otto von Bismarck wurden zwischen 1883 und 1891 Gesetze erlassen, die der Absicherung der Arbeitnehmer dienten, wie Krankenversicherung, Unfallversicherung, Invaliden- und Altersversicherung und Versorgung durch den Arbeitgeber bei plötzlicher Arbeitsunfähigkeit.
Dass eine Verbesserung der Lebensbedingungen durchaus nötig war, zeigte der große Bergarbeiterstreik 1889. Im Ruhrgebiet streikten fast zwei Drittel der Bergleute, um ihren Forderungen Ausdruck zu verleihen. Die Zustände im Bergbau hatten sich zunehmend verschlechtert und daher forderten die Bergarbeiter neben einer Lohnerhöhung von 15% die Einführung eines Acht-Stunden-Tag inklusive Ein- und Ausfuhr aus dem Schacht. Außerdem sollten die Zwangsüberschichten abgeschafft werden. Ein weiteres Ärgernis stellten die höhergestellten Bergbeamten dar, die bei der geringsten Kleinigkeit Entlassungen vornahmen und ungenügend befüllte Kohlewagen „nullen“ ließen. Das bedeutete für den zuständigen Bergarbeiter einen großen Lohnabzug. Die Forderungen wurden von den Bergwerksunternehmern allerdings nicht akzeptiert und daher traten insgesamt 90.000 Bergleute in den Streik. Der Streik konnte durch das Eingreifen von Kaiser Wilhelm II. beigelegt werden, der in Berlin eine Bergarbeiterdelegation empfing.

Die industriellen Entwicklungen schritten immer weiter fort und die Unternehmen entwickelten neue Verfahren zur Stahlherstellung. So wurde 1862 das Bessemer-Verfahren als neues Stahlkochverfahren eingeführt. Diese wurden dann kurz darauf vom „Siemens-Martin-Verfahren“ abgelöst. Den größten Erfolg hatte allerdings das sogenannte „Thomasverfahren“. 1884 wurde es schon für die Hälfte des im Ruhrgebiet erzeugten Stahl verwendet.
Andere Neuerungen dieser industriellen Hochphase war 1881 die Einführung der ersten Pferdestraßenbahnen in Dortmund oder die erste Verlegung einer Telefonleitung 1878 zwischen Buer und Westerholt. Das Telefonnetz breitete sich rasch aus und bereits 1890 richtete man die ersten privaten Telefonanschlüsse ein. Unter Tage benutzten Bergarbeiter elektrische Grubenleuchten und viele Zechen bekamen eigene Bahnhöfe im immer größer werdenden Schienennetz. Eine revolutionäre Erfindung machten Wilhelm Maybach und Gottlieb Daimler mit der Entwicklung des Benzinmotors. Damit war der Weg geebnet für den Bau der ersten Automobile. Darüber hinaus bekamen immer mehr Häuser einen Anschluss für elektrischen Strom und die bereits sehr fortschrittlichen Pferdestraßenbahnen wurden schließlich durch elektrisch betriebene Wagen abgelöst.
Die Gründung neuer Zechenanlagen verlagerte sich nach Norden. Während vormals Zechen im Süden des Ruhrlandes angelegt wurden, gingen die Unternehmer nun weiter in Richtung Emscher vor, um dort weitere Kohlevorkommen abzubauen. Von dieser Nordbewegung profitierten insbesondere Oberhausen und Gelsenkirchen. Während die meisten anderen Städte der Umgebung wie Essen, Duisburg und Dortmund bereits eine jahrhundertelange Geschichte besaßen, die bis ins Mittelalter zurückreichte, wuchsen insbesondere Oberhausen und Gelsenkirchen erst durch den Bergbau und die Eisenverhüttung zu Industriestädten heran und bekamen aufgrund dessen das Stadtrecht 1874 bzw. 1875 verliehen. Besonders die Gründung der Gutehoffnungshütte 1873 in Oberhausen als Rechtsnachfolger der JHH war für die Entwicklung von Oberhausen von Bedeutung. Oberhausen war vorher Gemeinde und hatte durch das Stadtrecht einen Sitz und eine Stimme im Provinziallandtag. Damit konnte Oberhausen bei politischen Entscheidungen auf Landesebene Einfluss nehmen. In der ganzen Stadt wurden zu dieser Zeit öffentliche Einrichtungen errichtet. Dabei waren besonders das Rathaus als Verwaltungssitz und der Bau öffentlicher Schulen von besonderer Bedeutung. Zuvor war die Region zwischen Emscher und Hellweg nur wenig besiedelt, doch durch den Bergbau setzte dort ein starkes Wachstum ein.
Die Eisen- und weiterverarbeitende Stahlindustrie siedelte sich insbesondere in Duisburg, Dortmund, Gelsenkirchen und Hagen an. Die Unternehmen suchten sich Standorte, die verkehrsgünstig gelegen waren und daraus entstanden im näheren Umfeld Großstädte mit einer ständig anwachsenden Bevölkerung und einer zunehmend verbesserten Infrastruktur. Die meisten Zechen wurden eher nach dem vorhandenen Kohlevorkommen und den Abbaumöglichkeiten angelegt. Die Zechen lagen in eher dünnbesiedelten ländlichen Gebieten.


