Preußische Zeit (1815-1918)

Die „Wilhelminische Zeit“ 1888-1918

Der Deutsche Kaiser, König Wilhelm II. v. Preußen (1859-1941, reg. ab 1888) (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)
Der Deutsche Kaiser, König Wilhelm II. v. Preußen (1859-1941, reg. ab 1888) (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Das deutsche Reich unter Kaiser Wilhelm II. geriet zunehmend in Konflikt mit anderen europäischen Großmächten und Europa sah sich durch sein Verhalten provoziert. Er wollte das Deutsche Reich zu einer Weltmacht erheben. Besonders gelegen kam ihm die Amtsniederlegung des Reichskanzlers Otto von Bismarck mit dem er häufig nicht einer Meinung war. Durch die in seinem Namen veranlasste Politik, machte sich das deutsche Kaiserreich insbesondere Frankreich, England und Russland zum Feind.

Durch die angestrebte Aufrüstung der deutschen Seeflotte erlebte besonders die Industrie einen weiteren Aufschwung, da diese viele Aufträge vom preußischen Staat erhielt. Das Ziel des Kaisers war eine starke Kriegsflotte, die deutsche Handelsflotte schützten und gegen andere Flotten, wie z.B. die englische Flotte, bestehen konnte.

Das große Ruhrgebietsunternehmen von Krupp stellte seit Beginn der verstärkten Rüstungspolitik jährlich 20.000 Tonnen Panzerplatten, 30.000 Tonnen Schiffsbleche und zudem Geschosse in einer Menge von 10.000 Tonnen her. Diese Entwicklung führte dazu, dass alleine Krupp 74.000 Beschäftigte hatte. Neben Krupp profitierten auch andere Stahlunternehmen und Zulieferer vom Rüstungsgeschäft, sodass das Ruhrgebiet bald als „Waffenschmiede des Reiches“ bezeichnet wurde.

Die Kohleförderung erreichte in dieser Zeit eine ebenso rasante Steigerung: Im Jahr 1880 wurden jährlich noch 22,5 Millionen Tonnen gefördert. Zwanzig Jahre später war die Fördermenge bereits auf 60 Millionen Tonnen angestiegen.

 

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen (Aufnahme: Pilartz, Bad Kissingen; am 31.8.1890) (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)
Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen (Aufnahme: Pilartz, Bad Kissingen; am 31.8.1890) (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

Dadurch entwickelte sich ein noch größerer Arbeiterzustrom aus dem Osten und der Bergbau wanderte weiter in nördlichere Gebiete an der Emscher, an der Lippe und am Niederrhein. In diesen Gebieten setzte sich das Bild der typischen Industriestädte allerdings nur mäßig durch und die Umgebung behielt meist ihren eher ländlichen Charakter. Die Industrie spielte hier keine große Rolle im Leben der Menschen und daher war der Einfluss der bestehenden Zechen auf das landwirtschaftlich geprägte Umland er gering. Trotzdem waren die Zechen an Emscher und Lippe sehr viel größer und besaßen tiefere Schächte, sodass wesentlich mehr Kohle abgebaut wurde als in den kleineren Zechen an der Ruhr und deren Umgebung. Die vormals eher kleinen Zechenbetriebe beschäftigten nun bis zu 1000 Mitarbeiter und immer wieder wurden neue Schächte abgeteuft. Das führte dazu, dass viele kleine Zechen stillgelegt werden mussten, als die großen Zechen sich 1893 zum Rheinisch-Westfälischen Kohlesyndikat zusammen schlossen und den Markt durch Abbaumengen und Preise bestimmten. Während die Bergwerke eine Nordwanderung vollzogen hatten, blieb die Stahlindustrie an ihren vorherigen Standorten in der Nähe der Ruhr und dem Hellweg.

Durch den vermehrten und tieferen Kohleabbau häuften sich die Unglücke unter Tage. Besonders häufig waren Schlagwetterexplosionen bei denen zahlreiche Menschen ums Leben kamen. Ein sehr verheerendes Grubenunglück geschah 1908 auf der Zeche Radbod in Hamm. Durch eine Schlagwetterexplosion starben 348 Menschen. Die Ursache der Katastrophe war vermutlich eine defekte Benzinlampe, die hochentzündliche Grubengase zur Explosion brachte. Daraufhin durften in den Zechen nur noch elektrische Lampen eingesetzt werden, um die Sicherheit der Bergarbeiter zu erhöhen.

Innerhalb von 40 Jahren, zwischen 1870 und 1910, verzeichnete das Ruhrgebiet einen Bevölkerungsanstieg von 900.000 auf 2,3 Millionen Bewohner, die alle von der boomenden Ruhrgebietsindustrie angezogen worden waren. Durch das große Wachstum musste die Infrastruktur des Ruhrgebiets verbessert werden. Die Bahnhöfe im Ruhrgebiet waren mittlerweile zu klein geworden und in Randgebieten entstanden Rangierbahnhöfe, die den Verkehr besser bewältigen konnten und bereits bestehende Bahnhöfe entlasten sollten. Bis 1900 waren bereits 6000 km Eisenbahnlinie verlegt worden. Neben den Bahnhöfen wurde der Bau von Schiffskanälen wie dem Dortmund-Ems-Kanal und dem dazugehörigen Schiffshebewerk Henrichenburg (Eröffnung: 1899) vorangetrieben, um weitere Transportwege zu schaffen.

Das Eisenbahnnetz um 1880 (Quelle: Dießenbacher Tewissen Informationsmedien)
Das Eisenbahnnetz um 1880 (Quelle: Dießenbacher Tewissen Informationsmedien)

Neben der Kohle- und Stahlindustrie fassten auch langsam andere Wirtschaftszweige Fuß im Ruhrgebiet. Durch den Bevölkerungsanstieg wurde die Konsumindustrie immer wichtiger. In den Innenstädten von Dortmund und Recklinghausen eröffnen große Kaufhäuser wie z.B. Klöckner, die den Bürger mit den nötigsten Produkten versorgten. Zu den Handelsgütern zählten Haushaltswaren, Textilien, Herde und Lebensmittel.

Alte Ansichtskarte des Stadttheaters Essen um 1910, heutiges Grillo-Theater (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)
Alte Ansichtskarte des Stadttheaters Essen um 1910, heutiges Grillo-Theater (Quelle: Wikipedia, gemeinfrei)

In der "wilhelminischen" Epoche gehörte zudem die private, aktive Freizeitgestaltung immer mehr zum Alltag und daher entstanden zahlreiche kulturelle Angebote. In den Städten wurden Kinos, Theater, Konzertsäle und Museen eröffnet. Das heutige „Grillotheater“ ist dafür ein Beispiel. Durch die vielen, neuen Bewohner waren zudem neue Kirchen für die evangelischen und katholischen Christen, wie auch Synagogen für die jüdischen Bewohner des Ruhrgebiets gebaut. Sehr prägend für den Charakter des Ruhrgebiets war die Gründung von Sportvereinen und Fußballklubs (z.B. Schalke 04, Borussia Dortmund und Rot-Weiß Essen).

Die politische Entwicklung sah aufgrund des anhaltenden Alleingangs des Deutschen Kaiserreich eher düster aus. Kaiser Wilhelm stieß sowohl innerhalb des Deutschen Reiches immer mehr auf Widerstand wie auch bei den europäischen Großmächten. Während das deutsche Bürgertum, die Offiziere und die Unternehmer zufrieden mit dem Kaiser und dessen Politik waren, geriet die Arbeiterschaft zunehmend in Aufruhr über die unklare Politik des Kaisers. Mit den sozialpolitischen Maßnahmen waren die Arbeiter in keiner Weise zufrieden und dasselbe galt für die dreijährige Wehrpflicht, die bei den Soldaten aus dem Ruhrgebiet zum Ärgernis wurde. Die Haltung gegenüber den anderen Ländern in Europa war einer der Faktoren, die letztlich 1914 zum Ersten Weltkrieg führten. Die europäischen Mächte waren am Ende ihrer diplomatischen Kräfte und wollten nun mit einem Krieg die Ordnung wieder herstellen.