Das Ruhrgebiet 1914-2011
Wiederaufbau und Gegenwart (1949-2011)
Im Jahr 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet und Nordrhein – Westfalen mit dem Ruhrgebiet gehörte als Bundesland zur neuen Republik. Fast gleichzeitig wurde aus der sowjetischen Besatzungszone die Deutsche Demokratische Republik (DDR). Das Ruhrgebiet erholte sich in den 50er Jahren sehr schnell von den Kriegsfolgen. Der Wiederaufbau ging voran und das ganze Land erlebte einen Wirtschaftsaufschwung. Die Kohleförderung und die Arbeit in den Eisenhütten nahmen wieder zu, sodass die Industrie wieder mehr produzieren konnte. Innerhalb der ersten zehn Jahre nach dem Krieg entstand in Deutschland eine wohlhabende Industriegesellschaft. Diese Jahre wurden als „Wirtschaftswunder“ bezeichnet. Bereits 1950 waren wieder 143 Zechen im Ruhrgebiet aktiv. Die Industrie befand sich auf einem Höhenflug.
Doch die erste Krise im Kohlensektor trat bereits 1958 ein und es wurden weit weniger Zechen gegründet als in den Jahren zuvor. Ab dieser Zeit beginnt das große „Zechensterben“. Das führte dazu, dass in den anderen Industriezweigen, die von der Kohle abhängig waren, eine Krise einsetzte, die über einen längeren Zeitraum dafür sorgte, dass neben Zechen auch Hütten, Hochöfen und Stahlwerke stillgelegt wurden. Der Abbau von deutscher Kohle erwies sich aufgrund der zunehmenden Fördertiefen von mehr 1000 Metern als zu teuer. Daher wurden immer mehr Großzechen in den Randzonen des Ruhrgebiets angelegt, die mehr Kohle fördern konnten mit weniger Aufwand. Im Gegenzug wurden die kleineren Anlagen geschlossen, da sich die Produktion für die Unternehmen nicht mehr rentierte. Anfang 2011 fördern nur noch vier Zechen innerhalb des Rhein-Ruhr-Raums.
Die Stahlindustrie des Ruhrgebiets hatte im Gegensatz zur Kohle über einen längeren Zeitraum Erfolg, da diese sehr aktiv in der internationalen Rüstung war und somit große Stahlmengen ins Ausland verkaufen konnte. Durch die boomende Stahlindustrie im Ruhrgebiet waren in 1970er Jahren viele Gastarbeiter aus dem Ausland angeworben worden, um den Arbeitskräftemangel zu decken. Die Arbeiter holten dann nach einer gewissen Zeit ihre Familien aus der Heimat nach, sodass im Ruhrgebiet viele verschiedene Kulturen ansässig wurden.
Doch in der Stahlindustrie mussten die Unternehmen ab Mitte der 1970er Jahre langsam Einbußen und Verluste hinnehmen. Ein Grund war die Tatsache, dass andere Länder mit Stahlprodukten auf den Markt drängten und das Ruhrgebiet bei dieser starken Konkurrenz letztlich nicht mithalten konnte. In den 80er und 90er Jahren wurden aufgrund dessen komplette Hüttenstandorte geschlossen, wie z. B. die Henrichshütte von Thyssen 1987 in Hattingen oder das Krupp-Stahlwerk in Duisburg-Rheinhausen 1993.
Mit dem langsamen Niedergang der großen Kohle- und Stahlindustrie im Ruhrgebiet, der sich über Jahrzehnte hinzog, wurde ein Strukturwandel in vielen Bereichen notwendig und insbesondere der Dienstleistungssektor wurde ausgebaut.
Ein wichtiger Punkt war dabei die Bildung. Innerhalb des Ruhrgebiets existierte seit Schließung der Alten Universität Duisburg 1818 keine Universität mehr. Dieser Umstand änderte sich erst 1965 mit der Gründung der Ruhr-Universität Bochum. Dieser Gründung sollten zeitnah weitere Universitäten folgen wie z. B. in Dortmund (1968), Duisburg (1972) und Essen (1972). Vorher sah die Politik nicht die Notwendigkeit innerhalb des Ruhrgebiets Hochschulstandorte zu schaffen.
Neben der Bildung waren neue Beschäftigungsmöglichkeiten wichtig, da die großen Arbeitgeber aus der Stahl- und Kohleindustrie fehlten. Dabei entstanden unterschiedliche Erwerbszweige, die dafür sorgten, dass besonders der Dienstleistungssektor ausgebaut wurde. Ein Beispiel für die Nutzung von Industriebrachen für den Dienstleistungssektor ist der Bau des Centro auf dem ehemaligen Gelände der Gutehoffnungshütte in Oberhausen. Nachdem die alten Industrieanlagen demontiert waren, wurde dort ein hochmodernes Einkaufszentrum gebaut, das 1996 eröffnet wurde und als „Neue Mitte“ von Oberhausen bezeichnet wird. An die GHH erinnert insbesondere noch der Gasometer, der noch bis heute erhalten ist und heutzutage als Aussichtspunkt dient und Raum für Ausstellungen bietet.
Ein weiterer Faktor im Rahmen des Dienstleistungssektors ist der Ausbau der Kulturangebote. Die Entwicklung vom Industriestandort zur Dienstleistungsgesellschaft ist ein Prozess, der in den 60er Jahren langsam seinen Anfang nahm und zahlreiche strukturelle Änderungen hervorbrachte.Viele der ehemaligen Industriestandorte stellen heute Industriedenkmäler dar und sind zu kulturellen Stätten wie Museen, Landschaftsparks und Aussichtspunkten ausgebaut worden, die als Touristenziele dienen. 2010 wurde Essen stellvertretend für das gesamte Ruhrgebiet zur Kulturhauptstadt von Europa ernannt und wird in diesem Zusammenhang als „Metropole Ruhr“ bezeichnet. Im Rahmen dessen fanden über das ganze Jahr 2010 hinweg zahlreiche Veranstaltungen statt, die die Industriekultur und die weitere kulturelle Vielfalt der Ruhrregion würdigten.


